Nostalgie – wenn Kindheit niemals endet


    Mit spitzer Feder …


    (Bild: zVg)

    Wenn ich an meine Kindheit denke, spüre ich sofort die Sonne auf der Haut. Ich fühle das Gras unter meinen Füssen, höre das Lachen meiner Geschwister, rieche den vertrauten Duft von Papier, Farbstiften und Bastelwaren. Ich erinnere mich an die Freude an den vielen bunten Farben, an die Lust am Gestalten – ein Gefühl, das mich bis heute begleitet. Ich spüre die Vorfreude auf Ostern und Weihnachten, die Spannung, die kleinen Rituale, die grossen Momente. Wenn ich zurückblicke, scheint es, als sei diese Zeit nie zu Ende gegangen. Noch immer tauche ich ein in diese unschuldige Kinderwelt, geborgen im kleinen Einfamilienhaus in einem ruhigen Quartier in Langenthal. Jede Erinnerung ist lebendig: unser rotes Auto, der Duft der Rose, den ich immer zum Dessert riechen durfte, die Farben, mit denen unsere Mutter die Weihnachtsgeschichte an die Fensterfront malte, der Klingelton meiner Legokasse – kleine Details, die ein ganzes Universum ausmachten.

    Es war eine unbeschwerte, schöne, strukturierte Zeit. Eine Kindheit, die wie ein Fundament wirkt, auf dem ich heute noch stehe – und die mich lehrt, dass manche Freuden niemals vergehen. Meine Kindheit hat mir tiefe Wurzeln geschenkt und zuverlässige Ressourcen, auf welche in alle den nachfolgenden schwierigen Zeiten immer wieder zugreifen konnte. Noch immer kehr ich regelmässig nach Langenthal zurück und fühle mich sehr verbunden mit diesem Ort der Kindheit, wo ich so viele schöne Stunden und Momente verbringen durfte. Jedes Mal ergreift mich ein Glücksgefühl, wenn ich in Langenthal bin und ich werde zum kleinen Mädchen mit den zwei braunen Zöpfen. Dabei durchfluten unzählige Kindheitserinnerungen meinen Hippocampus und tanzen einen fröhlichen Reigen.

    Ich bin mir sicher, dass es in meiner Kindheit oft geregnet hat. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir auch die unangenehmen Momente wieder ein: das Schimpfen meiner überforderten Mutter, ihre manchmal verletzenden Worte, meine eigene Ängstlichkeit, die kalten Wintertage. Und doch überstrahlt all das das Glück, die Pracht der goldenen Sommernachmittage. Es ist dieses Licht, das meine Kindheit heute leuchten lässt – die unbeschwerten Stunden, die Wärme und die kleinen Freuden, die selbst die dunkleren Momente überdauern. Diese Erinnerungen rufe ich immer wieder ab – besonders, wenn es mir nicht so gut geht. Dieser Nostalgiefilter taucht meine Bilder im Kopf in einen leuchtenden Sepiaton – und machen einfach glücklich. Denn schöne Erinnerungen sind eine unglaubliche Quelle der Kraft. Sie vermitteln mir Ruhe und Geborgenheit im Sinne von «Alles ist gut». Aus der Forschung weiss man heute, dass schöne Erinnerungen wichtige Funktionen für das seelische Gleichgewicht erfüllen. So zeigten wissenschaftliche Studien, dass Nostalgie die Stimmung hebt, Gefühle von Einsamkeit dämpft und Ängste vertreiben kann.

    Wie alles hat auch die Nostalgie zwei Seiten. Zu viel von ihr ist oft ein Zeichen dafür, dass man in der Vergangenheit stehen geblieben ist. Die Verklärung früherer Zeiten kann trügerisch sein: Die Vergangenheit verspricht Sicherheit, Übersicht und ein besseres Leben – doch nicht selten ist genau das ein Irrtum. Der dänische Philosoph Søren Kierkegaard bringt dieses Spannungsfeld treffend auf den Punkt: «Das Leben kann nur rückwärts verstanden, aber nur vorwärts gelebt werden.» Je älter ich werde, desto deutlicher mache ich diese Erfahrung. So vieles verstehe ich erst heute. Zum Beispiel habe ich erst vier Jahre nach dem Tod meiner Mutter begriffen, warum es zwischen ihr und mir nie wirklich funktioniert hat. Und oft denke ich: Wenn ich doch früher zu dieser Erkenntnis gekommen wäre – hätte sich mein Leben dann anders entwickelt?

    Doch irgendwann komme ich zu einer anderen Einsicht: Es scheint ein ungeschriebenes Gesetz zu geben. Die Weisheit gehört dem Alter, die Ahnungslosigkeit und Unschuld der Jugend. Und so schmerzhaft diese Erkenntnis manchmal ist – vielleicht muss es genauso sein. Vielleicht ist es sogar gut so. Nostalgie erinnert mich daran, was zählt: nicht die Jahre, sondern die Augenblicke.

    Also lebe ich sie – jetzt. Und schaffe neue Glücksmomente.

    Herzlichst,
    Ihre Corinne Remund
    Verlagsredaktorin

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