In der Schweiz fallen pro Jahr fast jede und jeder fünfte Arbeitnehmende wegen psychischen Problemen aus. In mehr als jedem zweiten Fall sind Kränkungen oder Konflikte am Arbeitsplatz die Ursache. Pro Laboris vermittelt lösungsorientierte Spezialisten, die individuell auf die jeweilige Situation eingehen. René Bless, Gründer und CEO, gibt Einblick in die Tätigkeit der Nonprofit-Organisation sowie in das Schweizer Arbeitsumfeld. Er zeigt auf, wie ein möglicher Weg zu einer nachhaltigen Lösung aussehen könnte.

Zusammen mit Ihrem Team haben Sie Pro Laboris gegründet. Welche Idee steckt dahinter?
René Bless: Pro Laboris ist aus der Überzeugung entstanden, dass niemand in einer beruflichen Krise alleine gelassen werden darf. Viele Menschen geraten unverschuldet in schwierige Arbeitssituationen – sei es durch Konflikte, Krankheit, Überlastung oder ungerechte Behandlung. Oft zeigt sich dabei, dass eine solche Situation mehrere Ebenen betrifft: rechtliche Fragen, persönliche Belastungen oder alte Erfahrungen, die durch das aktuelle Geschehen wieder ausgelöst werden. Wir wollten eine interdisziplinäre, unabhängige und kostenlose Anlaufstelle schaffen, die Betroffenen rasch und kompetent hilft – unbürokratisch, menschlich und fachlich fundiert.
Wie würden Sie aus Ihrer Perspektive die heutige Arbeitswelt beschreiben?
Die Arbeitswelt hat sich stark verändert: Tempo, Komplexität und Leistungsdruck nehmen stetig zu, während Empathie und echtes Zuhören häufig zu kurz kommen. Viele Führungskräfte und Mitarbeitende stehen unter grossem Druck. Gleichzeitig wächst das Bewusstsein, dass psychische Gesundheit und ein respektvoller Umgang zentrale Erfolgsfaktoren für Unternehmen sind – das ist eine positive Entwicklung.
Was sind zurzeit die grössten Herausforderungen am Arbeitsplatz, respektive wo ist der grösste Handlungsbedarf im beruflichen Umfeld in der Schweiz?
Wir stellen fest, dass Menschlichkeit oft zu kurz kommt und es viele Konflikte am Arbeitsplatz gibt. Viele Menschen können schwer Grenzen setzen, geraten in Erschöpfung oder Burnout – teilweise schon in jungen Jahren. Zudem erleben wir Fälle, in denen Arbeitnehmende unter Druck gesetzt oder ungerecht behandelt werden, beispielsweise durch Änderungskündigungen, fehlende Wertschätzung oder unklare Führungsstrukturen. Aber auch die sich immer schneller verändernden Umstände durch neue Technologien können sehr herausfordernd sein. In solchen Situationen braucht es sofortige, kompetente Unterstützung. Niemand sollte in einer beruflichen Krise allein gelassen werden.

Sie bieten bei Bedarf Soforthilfe. Wie gehen Sie vor, bzw. was kann der Betroffene erwarten?
Wer sich bei uns meldet, erhält rasch eine persönliche Ansprechperson – häufig noch am selben Tag. Wir hören zu, analysieren die Situation und geben erste Handlungsempfehlungen, bevor wir Betroffene an passende Fachpersonen wie Psychologinnen und Psychologen, Ärztinnen und Ärzte, Coaching-Fachkräfte, Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten oder Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte sowie bei Bedarf auch an weitere geeignete Stellen oder Intuitionen vermitteln. Unsere Casemanagerinnen und Casemanager verfügen über umfassende Erfahrung in den Bereichen Arbeitsrecht, Psychologie, Coaching und Mediation. Ziel ist es, Stabilität, Sicherheit und eine Lösungsperspektive zu schaffen.
Pro Laboris engagiert sich auch in der Präventionsarbeit. Was muss man sich darunter vorstellen?
Prävention bedeutet für uns, Probleme frühzeitig zu erkennen und anzugehen, bevor sie eskalieren. Derzeit veröffentlichen wir regelmässig Blogartikel, die von Fachpersonen aus unterschiedlichen Bereichen verfasst werden – etwa zu Themen wie psychische Gesundheit, Konfliktmanagement oder Führungskultur. Diese Beiträge sollen sensibilisieren und Orientierung bieten. Zukünftig möchten wir die Präventionsarbeit weiter ausbauen, beispielsweise durch Vorträge, Workshops und Diskussionsformate direkt in Unternehmen. Unser Ziel ist es, einen Beitrag zu einer gesunden, respektvollen Arbeitskultur zu leisten.
Welche Vorteile bietet das Konzept von Pro Laboris?
Pro Laboris als gemeinnützige Organisation arbeitet komplett unabhängig, frei von irgendwelchen Interessenskonflikten und steht kostenlos allen offen. Unsere Arbeit zeichnet sich durch Schnelligkeit, Fachkompetenz und Menschlichkeit aus. Unsere Unabhängigkeit bedeutet, dass wir zwar finanzielle Unterstützung von Privatpersonen oder Unternehmen annehmen können, unsere Arbeit aber stets frei von Interessen Dritter bleibt. Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber haben keinen Einblick in unsere Arbeit – die Vertraulichkeit ist für uns oberstes Gebot. Diese Neutralität schafft Vertrauen und gewährleistet, dass die Hilfe dort ankommt, wo sie gebraucht wird.
Wie wichtig ist die Qualitätssicherung und wie gewährleisten Sie diese?
Qualität steht für uns im Zentrum. Wir arbeiten mit erfahrenen Fachpersonen zusammen und evaluieren laufend unsere Prozesse und Fälle. Ein kontinuierlicher Austausch im Team sowie Rückmeldungen von Betroffenen helfen uns, unsere Arbeit stetig zu verbessern und anzupassen.
Pro Laboris ist eine gemeinnützige Organisation – wie werden Sie finanziert?
Pro Laboris wird ausschliesslich durch Spenden und Fördergelder finanziert. Als gemeinnützige Organisation stellen wir sicher, dass die Mittel direkt den Betroffenen zugutekommen. Aktuell suchen wir gezielt Unterstützung, um unsere Casemanagerinnen und Casemanager zu entlasten und unsere Leistungen weiter auszubauen. Zudem möchten wir künftig vermehrt Pro-Bono-Fälle übernehmen und auch nicht krankenkassenanerkannte Spezialistinnen und Spezialisten einbinden, deren Leistungen wir für Betroffene übernehmen können. Jeder Beitrag hilft uns, Menschen in beruflichen Notlagen weiterhin rasch, kompetent und vertraulich zu unterstützen
Was sind weitere Projekte von Pro Laboris?
Ein Schwerpunkt liegt auf dem allgemeinen Ausbau unserer Dienstleistungen und insbesondere auch der Präventionsarbeit. Wir möchten unser Netzwerk an Spezialistinnen und Spezialisten erweitern und verstärkt mit Organisationen, Bildungseinrichtungen und Unternehmen zusammenarbeiten. Geplant sind Vorträge und Informationsveranstaltungen, in denen wir unsere Erfahrungen teilen und Wege aufzeigen, wie Konflikte, Überlastung und Fehlentwicklungen am Arbeitsplatz frühzeitig verhindert werden können.
Was wünschen Sie sich für das berufliche Umfeld in der Schweiz?
Ich wünsche mir mehr Menschlichkeit und Leichtigkeit im Arbeitsleben. Wir müssen lernen, wieder zuzuhören, Grenzen zu respektieren und Konflikte offen anzusprechen. Arbeit kann fordern, aber sie darf nicht zerstören. Wenn jemand beruflich den Boden unter den Füssen verliert, muss Hilfe sofort verfügbar sein. Dafür steht Pro Laboris – mit Herzblut, Fachwissen und grossem Engagement.
Interview: Corinne Remund





